Neue technische Zertifizierung von Esri auf dem Prüfstand
Die amerikanische Software-Schmiede Esri führt als erster GIS-Hersteller ein weltweites Zertifizierungsprogramm für den Umgang mit ihrer GIS-Software ein. Anwender können ihr technisches Wissen innerhalb der ArcGIS-Produktfamilie in den Kategorien "Desktop", "Developer" und "Enterprise" unter Beweis stellen. In Deutschland scheint dieses Programm noch weitgehend unbekannt zu sein.
Wer sich mit ArcGIS gut auskennt, soll mit dieser Zertifizierung sein Wissen unter Beweis stellen können. Esri versucht, mit dem Programm Standards zu schaff en, und schließt damit zu den großen Playern der IT-Branche auf, deren Zertifizierungsprogramme bereits lange etabliert sind. Microsoft bietet beispielsweise 18 verschiedene Zertifikate bestehend aus bis zu 60 Einzelprüfungen an, ähnlich sieht es bei Hewlett-Packard aus. Im Vergleich dazu ist das Esri-Programm noch klein und einfach gehalten: je Test ein Zertifikat, fünf Tests sind bereits verfügbar, 13 sollen es werden. Die Tests sind weltweit gleich und können jederzeit in einem der 5 000 Testcenter der Firma Pearson VUE abgenommen werden. Ein Test besteht aus ca. 100 Multiple-Choice-Fragen. Wenige Tage später gibt's das Ergebnis per E-Mail, das Zertifikat als recht schmuckloses PDF zum Selbstausdrucken. Feedback dazu, was man falsch beantwortet hat oder wie gut man war, erhält man nicht.
Erste Test-Erfahrungen
Nicole Zöllner von der alta4 Geoinformatik AG, eine erfahrene GIS Trainerin und -Anwenderin, ist eine, die es wissen muss. Sie gehört zu den Ersten, die an dem Esri-Zertifizierungsprogramm teilgenommen haben. Sie darf sich nun "Esri Certified ArcGIS Desktop Associate 10" nennen. "Der Test war doch sehr anspruchsvoll, es wurde sogar der Themenbereich ArcSDE in einigen Fragen behandelt, was im Rahmen des Desktop-Zertifi kates aus meiner Sicht nicht unbedingt zu erwarten war. Ich würde sagen, dass man mindestens über zwei Jahre Erfahrung im Umgang mit ArcGIS mitbringen sollte, um bestehen zu können." Wem nutzt ein erlangtes Zertifikat? Dr. Thomas Simon, Geschäftsführer des Systemhauses IT-Haus GmbH aus Föhren, – selbst HP Platinum Partner – weist in diesem Zusammenhang vor allem auf die Signalwirkung hin: "Ein Zertifikat ist immer ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem man sich vom Wettbewerb abheben kann. Wer als Arbeitgeber einen Bewerber vor sich hat, der zum Beispiel eine HP-Accredited- Systems-Engineer-Zertifizierung vorweisen kann, der weiß, dass hier nicht nur Zeit, sondern auch Geld in die Weiterbildung investiert wurde. Das spricht ganz klar für die Qualität und Bereitschaft des Arbeitnehmers."
Doch Tests und Zertifizierungen sind für Firmen ein zweischneidiges Schwert. Kann eine Firma zertifizierte Mitarbeiter vorweisen, wird es ihr leichter fallen, sich vom Wettbewerb abzuheben und ggf. auch höhere Preise für die angebotene Dienstleistung durchzusetzen. Da jedoch immer die Mitarbeiter und nicht die Firma Inhaber eines Zertifikats sind, steigert ein Zertifikat vor allem den Marktwert des Mitarbeiters und das kann die Lohnkosten in die Höhe treiben. Je schwerer die Tests sind, desto wertvoller sind die Zertifikate, denn dann werden sie zu echten Alleinstellungsmerkmalen.
Wermutstropfen: Nur auf Englisch
Ob sich dieses Esri-Zertifikat durchsetzt, hängt vor allem davon ab, wie es vom Markt angenommen wird. Während in den USA das Für und Wider bereits eifrig diskutiert und das Esri-Programm mit anderen GIS-Zertifizierungsmöglichkeiten verglichen wird, ist es in Deutschland fast schon irritierend still um dieses Thema. Auf Esri.de war bei Redaktionsschluss, d.h. vier Monate nach der Ankündigung des Programms in den USA, nichts über die Esri-Zertifizierung zu finden. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, man sei mit dem rein englischsprachigen Test nicht ganz glücklich – stellt doch die Sprache sicherlich eine Hürde dar, die für den einen oder anderen höher sein könnte als das geprüfte Fachwissen. Karen Capria, Pressebeauftragte bei Esri USA, antwortete auf die Frage, warum der Test zurzeit nur in Englisch verfügbar sei, zur gleichen Zeit aber in 165 Ländern angeboten werde: "Es ist ein sehr aufwendiger Prozess, ein Testverfahren in diesem Umfang zu erstellen. Da dies ein neues Testverfahren ist, wird der Test vorerst nur in englischer Sprache erscheinen. Wir werden beobachten, inwiefern die Nachfrage nach der Übersetzung in andere Sprachen sich entwickelt."
Während man hierzulande noch zu überlegen scheint, ergreift man in anderen Ländern schon die Chancen, die das neue Programm bietet. So macht Esri-Südafrika- Geschäftsführer Patrick McKivergan die Zertifizierung bei sich im Unternehmen zur Voraussetzung für die Beförderung seiner Mitarbeiter.
Es bleibt festzuhalten, dass ein weltweit aufgezogenes Programm auch zur Professionalisierung einer ganzen Branche beiträgt. Wer sich zertifi zieren lässt, investiert in seine eigene Zukunft. Einen echten Mehrwert bringt das Esri- Zertifikat erst, wenn es bekannt gemacht wird. Hier sind viele gefragt.
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